#14 Die Sache mit dem “Camping Free” in Theth

[02.10.2015]        Am nächsten Morgen erzählen wir Jimmy noch von unserem Plan auf der Südroute Theth nach Shkoder zu verlassen. Er will uns noch davon abraten, da die Straße in einem schlechten Zustand ist und er unser Auto dafür zu groß findet. Wir lassen uns aber davon nicht abbringen, in dem Wissen dass es auf der Strecke viel zu sehen gibt, andere T4 Busse die Strecke auch schon gemeistert haben und wir bisher mit unserem Bus selbst bei schwierigen Passagen immer beim ersten Anlauf hochgekommen sind. Am Ende wird sich herausstellen, dass Jimmy’s „Warnungen“ unbegründet sind.

Aber zuerst fahren wir noch an das andere Ende von Theth und parken dort unser Auto, wir wollen noch einen Wasserfall in der Nähe erwandern. Wir parken in der Nähe von dem Blutrache-Turm  den wir 2 Tage zuvor besichtigt haben, dort gibt es auch eine „Bar-Cafe“ und wir beschließen noch schnell einen Kaffee zu trinken. Der Besitzer kann leider kein Wort Englisch, ich versuche ihm zu erklären das wir was trinken wollen, am besten einen Kaffee. Als erstes bekommen wir zwei Dosen Bier auf den Tisch gestellt, ich lasse diese verschlossen und frage nach etwas anderem. Ehe ich dankend abwinken kann hab ich ein bis zum Rand gefülltes Stamperl Raki vor mir stehen. Es ist 11 Uhr und ich hab gerade erst gefrühstückt…

Ich stoße an und trinke einen kleinen Schluck und schon wird nochmal bis zum überlaufen nachgefüllt. Nen Schnaps um die Uhrzeit ist mir einfach zu viel. Marlene sitzt neben mir und als der Besitzer fortgeht, kippen wir den Raki auf den Boden. Fertig ausgetrunken :-). Wir hoffen, dass der Fusel schnell verdunstet, bevor unser Freund wieder zurückkommt.

Unsere Beine tun uns weh und wir sind schon 45 Minuten unterwegs, noch immer kein Wasserfall zu sehen und es geht steil bergauf. So haben wir uns unseren kleinen Spaziergang vor der Weiterfahrt allerdings nicht vorgestellt. Die Bergtour von gestern liegt uns noch in den Knochen.

Endlich sind wir da, es hat sich auf jeden Fall gelohnt! Der hohe Wasserfall stürzt über einen grünen, moosbehangenen Felsen in ein kleines Becken auf einen roten Stein. Wir ziehen die Schuhe aus, genießen die kühle Gischt und ruhen uns aus. Ich kann aber nicht sehr lange stillhalten und beginne den besten Platz für ein paar tolle Fotos zu suchen. Irgendwann spüre ich die spitzen Steine nicht mehr, meine Füße sind wohl kurz vorm abfrieren (Füße sind noch dran, allerdings hatte ich 3 Tage lang Halsschmerzen…)
Theth-1163

Wir haben etwas Ruhe bevor eine Gruppe jüngerer Italiener zu uns stößt, anders als die meisten ihrer Landsleute, sind sie nicht sehr laut und wir führen ein angenehmes Gespräch auf englisch und italienisch. Einer aus ihrer Gruppe ist italienischer Albaner und schreibt uns noch eine kleine Liste an guten Plätzen auf, die wir unbedingt besichtigen müssen. Vielen Dank!

Sie gehen, wir bleiben noch kurz Zeit da, danach geht’s zurück.

Gleich neben unserem Parkplatz haben wir ein Schild mit der Aufschrift „Camping free“ gelesen, das kommt uns sehr gelegen. Die Kinder der Familie kennen wir schon von der Besichtigung des Blutracheturms, sie können erstaunlicherweise etwas englisch und deutsch. Als wir danach fragen, ob sie das in der Schule lernen, erfahren wir, dass sie ohne Hilfe vom Fernsehen gelernt haben. Wir sind wirklich sehr überrascht wie viel die Beiden nur durchs Fernsehen lernen konnten. Würde bei uns und albanisch niemals funktionieren.

Naja wo waren wir? Genau, Camping free für heute Nacht, das ist gut. Wir wollen, wie bei Jimmy, bei der Familie zu Abend essen und dann morgen früh wieder weiterfahren. Kostet ja hier nicht so viel, aber diesmal falsch gedacht.

Die Familie begrüßt uns sehr freundlich, schnell stellt sich heraus das Marlene und die Mutter der Kinder auf Italienisch kommunizieren können. Wir bekommen reichlich zu Abendessen, das Essen ist wie immer sehr einfach, schmeckt aber dafür umso besser. Ich esse so viel, dass ich fast platze, Marlene kann auch nicht mehr und es ist noch reichlich übrig. Den Rest dürfen wir uns für morgen. Ich muss mal aufs Klo und Marlene fragt nach der Toilette. Die Tochter duscht gerade, ok da will ich mal nicht stören. Danach meint die Frau nur, sie hätte kein Problem damit wenn wir das „in natura“ erledigen. Ok, dann machen wir halt noch einen kleinen „Verdauungsspaziergang“.

Als wir wieder zurück sind  werden wir noch eingeladen in ihr Haus und trinken noch einen Raki bei Kerzenschein (Der Strom ist wohl gerade wieder ausgefallen), der diesmal besser schmeckt wie am Morgen. Marlene unterhält sich mit der Frau in Italienisch (sie lebte 4 Jahre in Rom), ich verstehe kein Wort folge dem Gespräch und nicke immer wieder. Die Kleine hat mich schon durchschaut und muss immer wieder lachen wenn ich zu ihr schaue und ratlos mit den Schultern zucke. Irgendwann fliegt es auf, dass ich nichts kapiere und alle lachen.

Marlene übersetzt mir den größten Teil und wir möchten hier noch einen kleinen Ausschnitt dieses interessanten Gespräches wiedergeben, sowie eine kurze Schilderung der Wohnverhältnisse:

Die Familie ist vor zwei Jahren von der Stadt hier ins Dorf gezogen. Auf dem Grund des Bruders haben sie sich ein kleines Hüttchen, notdürftig aus Holz errichtet (auf Foto z.T. zu sehen), und wohnen dort zu fünft. Küche ist außen am Haus angebaut, die restlichen Räume sind sehr klein und duster. Im Schlafzimmer befindet sich statt des Fensters eine Plastikfolie. Im Garten steht eine etwas versiffte Couch mit einem Tischchen. Man muss bedenken, dass hier im Winter bis zu zwei Meter Schnee liegen!
Mit Nahrungsmitteln versorgen sie sich größtenteils selbst (1 Kuh, Hühner, Garten), im Winter müssen sie zwei- bis dreimal in die Stadt, um Vorräte zu besorgen (wie sie das machen ist uns ein Rätsel, mit dem Auto brauchten wir drei Stunden, ohne Eis und Schnee). Auf die Frage, wie es ist, falls jemand dringend einen Arzt braucht, meinte sie, dass sie viel mit Heilkräutern auskurieren und ansonsten auf Gott vertrauen.
Die kleinere der beiden Geschwister ist in der Schule sehr gut, leider ist die Dorfschule nicht vielversprechend und im Winter sozusagen geschlossen (die Lehrerin lassen sich einmal im Monat zum Kontrolltermin blicken).

Ich finde es sehr ernüchternd zu hören, mit wie wenig andere Menschen zum Leben auskommen. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Leben sehr hart ist und ich würde um nichts in der Welt tauschen wollen, trotzdem find ich es gut, um einfach mal darüber zu reflektieren wie gut es uns eigentlich geht und wie unwichtig doch so manche „Problemchen“ sind.

Es ist schon längst dunkel, wir gehen in den Bus und schlafen.

[03.10.2015]       Wir stehen auf, wollen möglichst bald los, da wir noch einen langen Weg vor uns haben. Wir werden gefragt ob wir was zum Essen wollen, wir sagen, dass wir schon gefrühstückt haben und losfahren werden. Einem Tee sagen wir aber zu und setzen uns an den Tisch. 5 Minuten später kommt statt dem Tee ein komplettes Frühstück für 4 Personen. Naja, ablehnen kann man da ja nun schlecht, wenn alles schon gekocht wurde. Wir essen zu zweit an dem ganzen Essen und sind wieder bis zum Rand voll. Wir bitten darum zu bezahlen, damit wir los können.

Die ganze Familie versammelt sich und die Frau meint zu Marlene, dass wir 40 Euro (vierzig!) für alles bezahlen sollen. Ich glaub ich hör nicht recht. Wir haben bis jetzt zweimal hier in Theth gegessen, beide Male nicht über 10 Euro bezahlt (für uns beide) und nun sollen wir für Abendessen und ein ungewolltes Frühstück das Doppelte bezahlen? Irgendwas stimmt da nicht oder Camping Free war doch nicht so free.

Jimmy hatte also recht, wir wurden eiskalt beschissen. Zum Glück habe ich umgerechnet nur 27 Euro im Geldbeutel, lege alles auf den Tisch und mache klar, dass wir nun nichts mehr haben. Die Familie gibt sich damit zufrieden und wir hauen ab.

Wir fahren durch eine kleine Furt und verlassen somit Theth. Der nächste Stop ist das Blue Eye 7 km südlich von dem Ort Theth.

Theth-5929

Wirklich schade, so gehen wir mit einem sehr negativen Gefühl von diesem Ort und der Familie. Genau das wofür Jimmy sorgen will, dass sowas nicht passiert. Wir hoffen er tut sein bestes und anderen ergeht es nicht so wie uns.
Man muss allerdings sagen, dass diese Familie wohl am Existenzminimum lebt, nicht wie viele andere Guesthouses gefördert wurde und somit die Gelegenheit ergriffen haben etwas Geld zu verdienen. Auf lange Frist gesehen rechnet sich das natürlich nicht, wir werden das nächste Mal lieber wieder Jimmy oder ein Guesthouse aufsuchen, anderen wird es ähnlich ergehen.

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5 Antworten

  1. MA sagt:

    David, deine abgefrorenen Füße und drei Tage Halsweh haben sich auf alle Fälle gelohnt !! Soooo tolle Aufnahmen !!!
    Wenn ich mir was wünschen dürfte ;-)) : ‘nen Kalender o.ä. mit all den faszinierenden Wasserfotos in ganz groß….wow das wär’ toll
    freu mich auf weitere Berichte und Fotos
    Alles Gute

  2. MA sagt:

    Na, wenigstens seid ihr bequem gesessen 😉 hihi

  3. Renate sagt:

    Hi Marlenchen, tolle Bilder! Lasst es Euch weiter gut gehen und passt auf Euch auf (das sind ja Abgründe..)😉 Wir vermissen Dich! LG Renate

    • Marlene sagt:

      Halloo Renate! Schön von dir (euch) zu hören:-)Na klar, wir passen schon auf uns auf. Wir übernachten grad auf einem Parkplatz und werden von einem Parkplatzwächter bewacht, der um unser Auto rumpatroulliert, da fühlt man sich ganz schôn beobachtet..vielen Dank für die schönen Wünsche und schöne Grüße an alle!

  1. 11. Oktober 2015

    […] buchen. Vorsichtig sollte man bei anderen „Camping free“ Angeboten sein. (Mehr dazu im nächstem Bericht) Am besten vorher nach dem Preis für Essen und alles fragen! Fühlt sich zwar irgendwie komisch […]

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